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60 Jahre Marktrücknahme von Contergan

Vor 60 Jahren wurde Contergan® vom Markt genommen. | Bild: IMAGO / JOKER

Die Frau mit dem sportlichen Haarschnitt kommt ohne Umschweife zur Sache. „Ich habe eine dreiviertel Armlänge. Das ist zu kurz, um überall dranzukommen“, sagt Elke. Die 59-Jährige gehört zu den 2.400 contergangeschädigten Menschen in Deutschland. Ihre Mütter hatten während der Schwangerschaft das seit 1957 erhältliche Schlafmittel Contergan eingenommen, was die ungeborenen Kinder geschädigt hat.

Zur Erinnerung: Der Contergan-Skandal

Contergan® war der Handelsname eines freiverkäuflichen Schlafmittels mit dem Wirkstoff Thalidomid, das von 1957 bis 1961 in Deutschland auf dem Markt war. Es galt als besonders gut verträglich und wurde deshalb auch an Schwangere, die unter Schlafstörungen oder Morgenübelkeit litten, abgegeben. 

Erst als eine deutliche Häufung von Totgeburten, Organfehlbildungen und fehlenden Extremitäten, wie z. B. der Arme, auffiel, wurde das Medikament zuerst verschreibungspflichtig und dann komplett vom Markt genommen.

Marktrücknahme vor 60 Jahren

Vor 60 Jahren, am 27. November 1961, nahm das Pharma-Unternehmen Grünenthal aus Stolberg bei Aachen das Medikament vom Markt. Nach immer breiter diskutierten Verdachtsfällen hatten zwei Ärzte aus Deutschland und Australien über einen Zusammenhang zwischen Contergan und Fehlbildungen von Kindern geschrieben. 

„Durch die Marktrücknahme ist Zehntausenden das Schicksal erspart geblieben“, sagt Udo Herterich, der Vorsitzende des Bundesverbands der Contergangeschädigten. Der Fall wurde einer der schlimmsten Skandale der Bundesrepublik.

Zur Erinnerung: Wie wirkt Thalidomid?

Contergan® (Thalidomid) wirkt teratogen, das bedeutet fruchtschädigend. Die Substanzen können beim Embryo mehr oder weniger stark ausgeprägte Fehlbildungen verursachen, wenn die werdende Mutter sie während der Schwangerschaft einnimmt.

Daher werden teratogene Wirkstoffe wie Thalidomid und Co. in Deutschland auf gesonderten T-Rezepten verschrieben. Dieses ist nur sechs Tage nach dem Ausstellungstag gültig. Vor der Verordnung muss bei gebährfähigen Frauen eine Schwangerschaft ärztlich ausgeschlossen worden sein. 

Körperliche Beeinträchtigung und Fehlbelastung

Viele „Contergan-Kinder“ kamen mit verkürzten Armen oder Beinen zur Welt. Doch während sie einst mit geübter Gelenkigkeit manches ausgleichen konnten, macht sich jetzt die Überlastung bemerkbar. 

„Neben den körperlichen Beeinträchtigungen leiden die Betroffenen inzwischen auch an altersüblichen Beschwerden, aber auch an Schädigungen infolge von Fehlbelastungen“, berichtet die Contergan-Stiftung.

Selbstständigkeit geht Stück für Stück zurück

Seit Ende 2013 ist Elke in Rente. Zuletzt hat die gelernte Erzieherin mit psychisch Kranken gearbeitet. Das sei sehr schön gewesen, man habe sich gegenseitig unterstützt, erzählt sie. „Früher konnte ich ganz, ganz viel. Das ist immer weiter ein Stück zurückgegangen“, berichtet die Frau.

Etwas vom Boden aufzuheben, ist schwer. Das Öffnen von Getränkeflaschen oder Dosen schaffen die je vier Finger ihrer zarten Hände nicht. Auch eingeschweißte Käsepackungen sind ein Problem. 

Aber sie hat Unterstützung im Alltag: Ihre Assistentin hilft ihr beim An- und Ausziehen oder beim Duschen. Die Frauen kochen und unternehmen etwas zusammen. Oder gehen mit den Hunden raus.

Lebensqualität sei die von 80-Jährigen

„Keiner hat damit gerechnet, dass wir so alt werden würden“, heißt es beim Bundesverband in Köln. Die Lebensqualität sei die von 80-Jährigen, sagt der Vorsitzende Herterich. Der Grafiker hat kurze Beine und ist Rollstuhlfahrer. Die Contergangeschädigten hätten sich „Stück für Stück diese Welt erkämpft“, sagt er und meint: Schule und Beruf, das Teilnehmen am Leben trotz verkürzter oder fehlender Extremitäten – und das Aushalten der Blicke.

Vielen „Contis“, wie sich einige Betroffene selbst nennen, habe die schwindende Selbstständigkeit Depressionen eingebracht, berichtet Rentnerin Elke. Sie tut viel, damit sie fit bleibt. Fast jeden Tag in der Woche geht sie zu Therapien: Krankengymnastik mit Muskel-Stimulation, Schwimmen, Massage und Sauna. Quelle: dpa / vs